Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung

Choreographien der Seele

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

im ersten Abschnitt dieses Buches möchte ich Ihnen das Fundament vorstellen, das meine Vorgehensweise in Therapie, Beratung, Supervision und Coaching bestimmt: acht systemische Lösungen für Partnerschaft, Familie und Beruf. Hierzu werde ich Ihnen einen Einblick in die

  • Zirkuläre
  • Strategische
  • Mehrgenerationale
  • Strukturelle
  • Wachstumsorientierte
  • Erfahrungsorientierte
  • Narrative
  • und Phänomenologische

 

Perspektive der systemischen Therapie und Beratung geben. Ich habe das systemische Feld in acht (Beziehungs-) Perspektiven unterschieden, um einen Überblick zu ermöglichen, der es jedem selbst erlaubt zu entscheiden, welche Perspektive mehr und welche weniger Bedeutung erhalten soll. Es ist nicht meine Absicht mit der jeweiligen Perspektive die Autoren wiederzugeben, die als Begründer der jeweiligen Ansätze gelten. Noch möchte ich ihnen die spezifischen Fragestellungen und Problemfelder aufzeigen, denen sich die Ansätze im Einzelnen gewidmet haben (ergänzt). Ich möchte Ihnen jedoch zeigen, wie die jeweilige Perspektive in meine Sicht auf Beziehungen Eingang gefunden hat. Mancher meiner Gedanken ist hierbei Wiedergabe, mancher Weiterentwicklung und mancher Neuschöpfung. Am Ende jedes Kapitels finden Sie eine Wiederholung der wesentlichen Aussagen in Form von relevante Fragestellungen. Ich hoffe Ihnen auf diese Weise das Wesentliche der verschiedenen Perspektiven deutlich machen zu können.

 

Im zweiten Abschnitt möchte ich Ihnen eine neunte Perspektive systemischer Therapie und Beratung anhand der Begriffe

  • Auftrag
  • Ressourcen
  • Kontext
  • Energie
  • Erfahrung
  • und Haltung

 

nahe bringen. Während ich Ihnen im ersten Abschnitt das systemische Fundament zeige, das meine Arbeitsweise bestimmt, möchte ich Ihnen im zweiten Abschnitt das Haus beschreiben, das ich auf dieses Fundament gebaut habe. Es ist mein Haus, angepasst an mein Bedürfnis eine therapeutische Arbeitsweise zu entwickeln, die den Körper (Berührung und Bewegung), den Geist (Wort und Bild) und die Seele (Gefühle) gleichermaßen als bedeutsame Ressourcen menschlicher Entwicklung begreift. Ich möchte Ihnen im zweiten Abschnitt das Herzstück meiner Arbeitsweise vorstellen.

 

Der dritte Abschnitt ist der Praxis gewidmet. Ich habe aus den Bereichen Beratung, Therapie, Supervision und Coaching rund 60 Beziehungschoreographien zusammengestellt, die meine Arbeitsweise sichtbar machen. Die choreographische Darstellung von Beziehungen wird als eine Möglichkeit vorgestellt, festgefahrene Beziehungssituationen zu Verlebendigen und verkörperte systemische Lösungen in den Beziehungsalltag zu integrieren. Das Vorgehen wird anhand der Fallbeispiele so veranschaulicht, dass die individuelle Geschichte, Identität und Lebensfreude der Beteiligten gefördert wird. Im Sinne von: Berührung bewegt und bewegt zu sein berührt.
 

 

Einleitung

 

Es gibt keinen Menschen ohne Vergangenheit (1). Es gibt keinen Menschen ohne Gegenwart (2). Und es gibt keinen Menschen ohne Zukunft (3).

Es gibt keinen Menschen ohne Kindheit und eine Geschichte (1), es gibt keinen Menschen der nicht im ‚Hier und Jetzt’ seine Beziehungen gestaltet (2), und es gibt keinen Menschen, der sich nicht Gedanken macht über seine Zukunft (3).

Es gibt demnach keinen Menschen ohne tiefere Bewusstseinsschichten, die in den Erfahrungen seiner Kindheit wurzeln (1), es gibt keinen Menschen, der nicht im ‚Hier und Jetzt’ seine Beziehungen gestaltet, der auf eine spezifische Weise mit seinen Gefühlen umgeht, der auf eine spezifische Weise die Welt, in der er lebt, begreift und Unbekanntes (kennen)-lernt (2), und es gibt keinen Menschen, der sich nicht auf eine spezifische Weise mit seinen Visionen und Ängsten bezüglich seiner Zukunft auseinandersetzt (3).

Schließlich gibt es keinen Menschen ohne einen Körper (4). Meine Geschichte manifestiert sich ebenso in meinem Körper wie die Art und Weise, wie ich im Hier und Jetzt Beziehungen gestalte und wie ich über meine Zukunft nachdenke. Ich bin auch mein Körper und ohne meinen Körper bin ich nicht. Habe ich meinen Körper verloren, so habe ich mich selbst verloren. Finde ich meinen Körper, so finde ich mich selbst.

Ich wünsche mir eine Psychotherapie, die sich um den Menschen in seiner Kinderseele bemüht (1), die die Eigenverantwortung betont, indem sie den Menschen als jemanden sieht, der im Augenblick Beziehungen gestaltet und verändern kann (2) und den Menschen in seinen Hoffnungen, Sehnsüchten und Visionen von einer besseren Zukunft sieht (3). Und schließlich wünsche ich mir, dass dieser Blick auf den Menschen in einer stimmigen Balance zwischen Körper, Geist und Seele stattfindet (4).

Wenn wir akzeptieren können, dass es keinen Menschen ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt, dass es keinen Menschen ohne Körper, Geist und Seele gibt, dann müssen wir beginnen, uns mit einem liebevollen Blick dem zuzuwenden, was die großen Autoren psychotherapeutischer Theorien im vergangenen Jahrhundert entwickelt haben. Freud, Reich, Perls, Rogers, Skinner, Satir, Erickson, um nur einige wenige Namen zu nennen, haben sich ihr Leben lang mit großer Intensität und Kreativität dem Wachstum des Menschen gewidmet. Ich wünsche mir von mir selbst einen liebevollen Blick auf die Väter und Mütter der Psychotherapie. Ich möchte achtsam sein im Umgang mit dem, was Jene errungen haben. Und ich wünsche mir, dass die Psychotherapie sich als große Familie begreift. Trotz aller Steine, die solch einer Entwicklung - zumindest hier zu Lande -, in den Weg gelegt werden.

Milton Erickson ging davon aus, dass für jeden Klienten eine eigene Therapie entwickelt werden muss. Davon bin auch ich überzeugt, nur muss meiner Meinung nach, nicht der Therapeut, sondern der Klient seinen eigenen Weg der Heilung finden. Meine Aufgabe als Therapeut besteht darin, ihm dabei zu helfen, ihm verschiedene Bausteine anzubieten. Welche der Klient für seine Entwicklung nutzen will, muss dem Klienten überlassen bleiben. Gerade in dieser achtsamen Hilfe bei der Suche des Klienten nach dem für ihn Heilsamen liegt ein wesentlicher Moment der Psychotherapie. Um einen vorurteilsfreien Blick auf den Menschen zu ermöglichen, muss ich in den entscheidenden Momenten zwischenmenschlicher Begegnung frei sein von Theorien aller Art. Erst im Nachhinein können wir uns gemeinsam fragen, auf welche Weise wir das Geschehene einordnen wollen. Dann sollte der Therapeut über ein reiches Repertoire an Möglichkeiten verfügen. Kreativität wird nur dann möglich, wenn wir auf der Basis verschiedener Möglichkeiten einzigartige Kombinationen für den Augenblick treffen können.

Theorien sind Modelle, Versuche, die Wirklichkeit wie wir sie erleben, abzubilden. Wirklichkeit ist aber zu komplex, um ‚wirklich’ abgebildet werden zu können. Insofern glaube ich, dass wir nicht an einer einzigen Wirklichkeitsbeschreibung festhalten dürfen, sei diese tiefenpsychologisch, humanistisch, behavioural oder systemisch geprägt. Erst die Gesamtschau kann uns davon befreien, einer einzigen Wirklichkeitsbeschreibung zu glauben und damit den Grundstein für Heilung zwischenmenschlicher Verletzungen zu legen. Ich wünsche mir daher von mir selbst, nie das Gefühl zu haben, etwas ‚wirklich’ und ‚endgültig’ verstanden zu haben. Jede Theorie, jeder Begriff ist Unterscheidung. Um unterscheiden zu können muss ich ausblenden. Theorien funktionieren, weil sie ausblenden. Jede Theorie ist daher, weil sie eine Theorie ist, wahr und falsch zu gleich. Es kann demnach nicht mehr um die Wahrheit einer Aussage oder Beschreibung gehen, sondern lediglich um deren Nützlichkeit. Im Idealfall konfrontieren wir uns mit sich widersprechenden Theorien so, dass die eine Theorie oder Perspektive, die ‚Verblendung’ der anderen Theorie wieder ‚einblendet’. Sehr viel mehr können wir nicht tun. Es bliebe nur, gänzlich auf Theorien zu verzichten. Aber auch dies wäre eine ‚Einbildung’. Denn unser Handeln ist immer – bewusst oder unbewusst – von theoretischen Annahmen bestimmt.

Systemisch zu schauen bedeutet im tieferen Sinne ein loslassen, ein loslassen von Theorien aller Art bei der gleichzeitigen Bereitschaft, gemeinsam eine Beschreibung, eine Theorie, zu finden, vielleicht auch zu ‚erfinden’, die allen gleichermaßen nützlich erscheint. Da dies jedoch unmöglich ist, bleibt nur ein Prozess kontinuierlicher Entwicklung, ohne Ziel, ohne Lösung und ohne Wahrheit, stets in Ver-Handlung und Ent-Wicklung.

Warum der Titel: Systemische Psycho – Somatik ®? Systemisch bedeutet für mich, der Welt mit einem liebevollen Blick zu begegnen, einem Blick, der Ressourcen sucht, Möglichkeiten betont und das Wertvolle sieht. Psycho – Somatik entspricht meinem Wunsch, Psyche und Soma, Körper, Geist und Seele innerhalb einer ganzheitlichen Psychotherapie als ein System zu begreifen.

Wenn mein Buch ein kleiner Schritt auf dem Weg ihrer Ver- und Ent-Wicklung ins und im Leben sein darf, würde mich das sehr freuen.

 

Mit den herzlichsten Grüssen,

András Wienands, Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung

 

 

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