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Choreographien der Seele
Teil III: Ich handle, also bin ich.
Beziehungschoreographien Körper, Geist und Seele in Interaktion
Einleitung Lassen Sie mich mit einem Beispiel beginnen: eine Klientin, Anfang dreissig, kam zu mir in Therapie mit dem Anliegen ihre starken beruflichen Leistungsängste zu bearbeiten. Im Gespräch stellte sich heraus, dass diese insbesondere im Kontakt mit ihrem neuen Chef so stark werden, dass sie leicht zu zittern und, was ihr viel unangenehmer sei, deutlich zu schwitzen beginne. Um dem zu entgehen bliebe ihr nur übrig, die Begegnungen mit ihrem Chef so kurz als möglich zu gestalten. Dies wirke sich wiederum negativ auf ihre Beziehung aus, da ihr Chef ihr Verhalten wohl als gegen seine Person gerichtet erlebe. Zumindest glaubte die Klientin, deutliche Anzeichen von Rückzug und Distanz bei ihrem Chef wahrzunehmen. Eine systemische Prämisse ist es, dass ‚Symptome’, wie hier die Leistungsangst, innerhalb ihrer Kontexte sinnhafte Versuche des Unbewussten darstellen, Wachstum und Entwicklung zu ermöglichen. Wir wussten bisher lediglich: die Leistungsangst verhindert Kontakt und schafft Distanz zu ihrem Chef. Im weiteren Verlauf der Therapie konnten wir verschiedene systemische Perspektiven (zirkulär, strategisch, strukturell, wachstumsorientiert, etc.; siehe Abschnitt I in diesem Buch) einnehmen und dabei gute Fortschritte erzielen. An einem gewissen Punkt blieben wir jedoch stecken. Die Schweissausbrüche und die Fluchtimpulse der Klientin blieben bestehen und liessen sich durch keinen, so wie wir fanden, konstruktiveren Beziehungsbeitrag ergänzen oder gar ersetzen. Ich schlug meiner Klientin vor, körperintegriert weiterzuarbeiten, was ich in der Regel dann anbiete, wenn die Beziehung, sowohl für mich als auch meine Klienten, ausreichend Vertrauen und Sicherheit bietet. Die Klientin war einverstanden und wollte gerne einen neuen Weg versuchen. Ich bat sie in der nächsten Stunde, eine Choreographie der Begegnung mit ihrem Chef zu entwickeln, innerhalb derer sie ihre Leistungsängste deutlich spüren konnte. In der dann folgenden Beziehungschoreographie stellte ich den Chef dar. Meine Klientin stellte sich direkt vor mich, so nah, dass gerade eine Handbreite zwischen uns Platz hatte. Unser beider erste Reaktionen war, dass wir schallend lachen mussten; ob der ungewohnten Nähe und in Anbetracht der unmöglich erscheinenden Situation miteinander zu kommunizieren. Im Weiteren bat ich sie, die Nähe, die sie dargestellt hatte, in Form einer nonverbalen Aktion körperlich darzustellen. Daraufhin legte sie schweigend meine Arme um sich herum und begann mich mit ihren Händen wegzudrücken. Ich bat sie, nun langsam den Druck, mit dem sie mich wegzudrücken versuchte, zu erhöhen und dabei tiefer zu atmen. Wir blieben ungefähr fünf Minuten in dieser Haltung und steigerten langsam den sich ankündigenden Kampf. Nach kurzer Zeit begann die Klientin heftig zu schluchzen. Das Schluchzen dauerte eine ganze Weile und wurde von mir mit Worten der Ermutigung, die Tränen fliessen und das weinen zu zu lassen, begleitet.
Nachdem die emotionalen Wellen immer schwächer wurden und schliesslich verebbten, begannen wir uns zu fragen, was passiert war. Die Klientin konnte hierauf keine Antwort finden, so sehr ich sie auch in alle Richtungen ihrer Suche begleitete. Schliesslich entschied sie sich noch einmal in die Choreographie dieser Begegnung eintauchen zu wollen. Wieder begannen wir langsam. Zuerst nur mit einer vertieften Atmung in Brust und Bauch, dann nahmen wir den Druck ihrer Hände hinzu und schliesslich folgte eine kurze Sequenz des Kämpfens, das wieder in dem Schluchzen der Klientin mündete. Ich lud sie diesmal ein, in der Choreographie zu bleiben und dem, was sie empfand Worte zu geben, woraufhin sie anfing mich anzuschreien, ich solle abhauen und sie in Ruhe lassen. Ich ermutigte sie nun, ihren Worten so viel Kraft zu geben, bis sie deutlich den Boden unter ihren Füssen spüren könne und das Gefühl habe, mich begrenzen zu können.
Auch diesmal, nachdem die Wellen von Wut und Hass verklungen waren, versuchten wir das Geschehen zu reflektieren. Und nun kam es meiner Klientin nach und nach zu Bewusstsein. Zuerst wollte und konnte sie es nicht glauben. Sie hatte mir schon in einer früheren Stunde von einem Missbrauch als Jugendliche durch den Freund ihrer Mutter erzählt, war jedoch damals der Meinung, das Erlebte wäre verarbeitet und hätte für sie in der aktuellen Fragestellung keine Bedeutung mehr, da sie hierzu bereits eine Therapie gemacht hatte. Da ich meine Klienten als Experten auf ihrer eigenen Suche nach verbalen, emotionalen und verkörperten Antworten begleite, folgte ich ihr auch in diesem Punkt. Hier, in dieser, den Körper integrierenden Choreographie der Begegnung mit ihrem Chef, zeigte es sich anders. Im Gespräch wurde ihr bewusst, wie viel Angst ihr die Nähe zu ihrem Chef machte, weil sie dieser, ohne dass es ihr bisher bewusst war, an den Freund ihrer Mutter erinnerte. Langsam wurde uns klar, woher und warum es ihr so undenkbar schien, die (Arbeits-)angebote ihres Chefs auf ein Mass zu begrenzen, das ihr erfolgreich zu bewältigen schien. Die alten Loyalitäten zu ihrer depressiven Mutter, in ihrem Unternehmen verkörpert durch ihre Abteilungsleiterin, waren stärker. Es schien unmöglich der Leiterin der Abteilung noch mehr aufzubürden, da diese unter der Last ihrer Pflichten zusammen zu brechen schien. Merkwürdig erschien ihr schon seit längerem, dass eine von ihr sehr geschätzte Kollegin dies regelmässig tat, ohne dass der Chef oder die Abteilungsleiterin ihr dies übel nahmen. Aber ein Nein zum Chef, würde einem Nein zur Abteilungsleiterin gleichkommen, da diese sich um die Delegation oder Erledigung der anstehenden Aufgaben bemühen müsste, sollte sie eine Anfrage ihres Chefs ablehnen.
Langsam wurde uns die in der Situation enthaltene Chance zur Entwicklung deutlich. Würde die Klientin es wagen, eine Anfrage ihres Chefs abzulehnen, würde sie es gleichzeitig wagen, ihrer Mutter eine ‚schlechte’ Tochter zu werden. Natürlich mit der Gefahr, dass die Kinderseele die Hoffnung auf die bis heute ersehnte Liebe und Anerkennung der, als depressiv erlebten Mutter, hier der Abteilungsleiterin, aufgeben müsste. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte die Klienten sich für den Dienst an der Mutter entschieden und dies in einer Weise, die ihr nicht einmal ein geringfügiges Nein gegenüber ihrem Chef, unbewusst stellvertretend für den Liebhaber der Mutter, erlaubte. Ihr Körper übernahm nun, in Form des starken Schwitzens und dem mit diesem einhergehenden Geruch, dieses verschluckte Nein in einer sehr wirksamen Form. Auch ihre starken Angstgefühle waren ein Versuch des Unbewussten, die Situation zu regulieren. Im weiteren Verlauf der Therapie konnten wir eine stimmige Balance zwischen der Loyalität zur Mutter, d.h. der Sehnsucht nach Anerkennung und Bestätigung durch die Abteilungsleiterin und dem Bedürfnis nach Abgrenzung gegenüber ihrem Chef, erarbeiten. Interessanterweise bekam sie nun von Kolleginnen und Kollegen, aber auch von ihrer Abteilungsleiterin und selbst ihrem Chef, das Feedback, sie wirke so verändert: nicht mehr so gehetzt und abgespannt, klarer im Kontakt und insgesamt viel frischer und lebendiger.
Mit diesem kleinen Ausschnitt, möchte ich ihnen zeigen, wie wertvoll der Körper und dessen Reaktionen, an einer bestimmten Stelle einer Therapie sein können. Die, dem Körper innewohnenden, ganz eigenen Lösungen, liefern für Geist und Seele häufig sehr wertvolle Anregungen. Eine Integration dieser Körperlösungen, verkörperten Lösungen, bewegten Lösungen oder Lösungen in Bewegung in den Gesprächsverlauf stellen häufig einen Wendepunkt in Therapie und Beratung dar.
Ich gebe in diesem Abschnitt einige Beispiele von Beziehungsmomenten, die choreographisch verdichtet worden sind. Irreführend ist dabei, dass alle hier aufgezeigten Beispiele im Rahmen von Beratungs-, Therapie oder Supervisionsgesprächen entstanden sind und erst innerhalb ihrer Kontexte ihren ‚Sinn’ entfalten. Symptome, Konflikte, Probleme sind keine lästigen Übel, die an der Wurzel gepackt werden müssen. Im Gegenteil, Symptome, Probleme und Konflikte sind innerhalb ihrer Kontexte höchst kreative Versuche des Unbewussten, Wachstumsbedingungen zu kreieren, innerhalb derer die Betreffenden das ihnen Fehlende entwickeln können. Ich habe mich an mancher Stelle bemüht, kurze Impressionen der Entstehungskontexte zu vermitteln, so dass Teilaspekte der Situation in ihrem sinnvollen Charakter sichtbar werden.
Ich benutze in diesem Abschnitt sehr häufig das Wort Choreographie, als die Summe dessen, was ich in Abschnitt I und II beschrieben habe. Es ist letztendlich der Mut der Menschen, etwas wahrzunehmen (1), zu benennen (2) und zu verlebendigen (3). Es ist außerdem entscheidend zu verstehen, dass die hier isoliert beschriebenen Momente meist Bestandteil einer langen Reihe ganz unterschiedlicher Interaktionen sind; d.h. aus einer Interaktion entsteht ein Impuls, der wiederum zu einer neuen Interaktion führt. Häufig wechseln hierbei auch die emotionalen Qualitäten; von Zorn, über Schmerz und Trauer bis hin zu zärtlichen, lustvollen oder freudevollen Gefühlen. Ich beschreibe hier lediglich einzelne Momentaufnahmen ganzer Sinfonien zwischenmenschlicher Begegnungen, meist ohne Anfang und ohne Ende. Auch wenn ich des öfters versucht habe auf die Zirkularität der Entwicklungsprozesse hinzuweisen, möchte ich hier noch einmal betonen, dass es mir nicht darum geht aufzuzeigen, wie Probleme optimal gelöst werden können. Jede Problemlösung führt zu neuen Problemen. Oder anders formuliert: jeder Entwicklungsschritt zieht weitere Entwicklungsschritte nach sich. In den beschrieben Beziehungschoreographien erreichen wir also häufig lediglich ein Entwicklungsplateu, das uns eine kurze Verschnaufpause gönnt, bevor die Lebens-, Lern- und Entwicklungsreise wieder unsere ganze Aufmerksamkeit verlangt.
Die hier beschriebenen Interaktionen können durch eine Hand oder beide Hände oder auch durch eine paarige Berührung erfolgen; d.h. die Partner, die sich berühren, seien dies Mann und Frau, Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Freund und Freundin, Kollegen, Gruppenteilnehmer, Therapeut und Klient können Stirn mit Stirn, Hinterkopf mit Hinterkopf, Schulter mit Schulter, Brust mit Brust, Fuß mit Fuß berühren. Die Berührung kann aber auch asynchron erfolgen; d.h. die Füße werden an den Bauch gelegt, die Stirn an den Rücken gelehnt, der Hinterkopf auf die Brust gedrückt, die Schultern gegen die Hände gestemmt etc. Außerdem kann der Kontakt im Rahmen einer schmerzlichen, aggressiven, liebevollen oder lustvollen Begegnung erfolgen oder zu einer solchen führen. Hierbei entscheidet immer der Klient, ob die Choreographie in Richtung Schmerz, Angst, Trauer (1), Aggression (2), Liebe (3) oder Lust (4) geht, um nur vier zentrale Aspekte zwischenmenschlicher Interaktionen aufzuzeigen. Bedeutsam bleibt, dass das Choreographieren von Beziehungsmomenten an sich keinerlei therapeutische Implikationen hat, solange dies nicht im Rahmen eines für den Klienten bedeutsamen Beziehungserlebens stattfindet. Was als bedeutsam zu bezeichnen ist, entscheidet der Klient.
Abschließend ist anzumerken, dass ich mit meinen Klienten in der Regel bemüht bin, vom Kontext (1), zur Vergangenheit (2), zurück zur Gegenwart (3) und in die Zukunft (4) zu gelangen; d.h. meine Klienten schildern ihre Problematik in dem relevanten Beziehungskontext (1). Indem wir einen dieser problematischen Beziehungsmomente verdichten, gelangen wir häufig zu dem, was innerhalb der Familie zu den Themen (Erfolg, Zärtlichkeit, Konflikt, Wut, Abgrenzung, Bezogenheit, Sexualität etc.) gelernt wurde und heute den eigenen Beziehungsbeitrag dominiert (2). Als nächsten Schritt versuchen wir, die Erfahrungen aus den Choreographien in das alltägliche Beziehungsgeschehen einzuordnen (3), um uns dann über die jeweiligen Veränderungen und Visionen zukünftiger Beziehungsbeiträge klarer zu werden (4).
Ich versuche in gemeinsamer Abstimmung mit meinen Klienten, dem System, so wie es sich im Augenblick der therapeutischen Begegnung formiert hat, d.h. Vater, Mutter, Kinder oder Mann und Frau oder Bruder und Schwester oder Grossmutter, Mutter und Tochter oder Kollegen oder Therapeut und Klient etc. Energie, man könnte auch sagen Lebensenergie oder schlicht Lebendigkeit, zuzuführen. Niemand kann vorhersehen, zu welchen Prozessen, d.h. zu welchen körperlichen, geistigen und seelischen Bewegungen, das erhöhte Energieniveau führen wird. Ich bin davon überzeugt, dass jedes System, das ihm Fehlende eigenständig generieren wird. Oder anders formuliert: Die Seele heilt sich selbst. Indem die beteiligten Personen ihr Beziehungserleben choreographisch darstellen und über diese Darstellung hinaus in einen energetischen Kontakt treten, der über das alltägliche Beziehungsgeschehen hinaus geht, können sie sich in einer neuen, bisher unbekannten Weise ‚berühren’. Die hieraus entstehende lustvolle Bezogenheit auf die Umwelt ist das tiefere Ziel meiner Arbeit. |
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